Architectural Digest Germany - Dezember 2018-Januar 2019

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German | 212 pages | True PDF

ls Eduard von Keyserling 1894 mit seinen drei Schwestern nach München zog, ging es ihm nicht gut. Der knapp 40-jährige Schriftsteller litt an einer schweren Syphilis. Ein paar Jahre später saß er nahezu erblindet in seiner Wohnung in der Ainmillerstraße 19 in Schwabing und konnte seine Texte nur noch diktieren. Die hingetupfte Sinnlichkeit endloser Sommernachmittage, die seine Erzählungen dieser Zeit durchzieht, schöpfte er nur noch aus der Erinnerung. Von des Gedankens Blässe angekränkelt war hier gar nichts. Während sein österreichischer Kollege Hugo von Hofmannsthal, der hypernervöse Überfeinerungskünstler, genau zur selben Zeit in seinem berühmten „Brief“ den fiktiven Lord Chandos müde bekennen lässt, die Wörter zerfielen ihm „im Mund wie modrige Pilze“, und damit jene Sprachkrise ins Bild setzte, mit der eine ganze Dichtergeneration die Ermattung des Fin de Siècle abzustreifen versuchte, um neue Ausdrucksmöglichkeiten zu finden, war ausgerechnet der blinde Balte schon einen Schritt weiter.

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